Shiva Shadakshara Stotram
Ein bekanntes Shiva Stotra, eine Hymne auf das Mantra „Om Namah Shivaya“. „Das Śiva-Ṣaḍakṣara-Stotra ist ein mittelalterliches Śaiva-Stotra das dem Rudrayāmala-Tantra zugeordnet wird. (ca. 1000-1100 n. Christus).
Das Besondere an diesem Stotra ist, dass jede Strophe mit einer Silbe beginnt, die fortlaufend das Mantra „Om Namah Shivaya“ bildet.
1.
Devanagari:
ॐकारं बिन्दु संयुक्तं नित्यं ध्यायन्ति योगिनः ।
कामदं मोक्षदं चैव ॐकाराय नमो नमः ॥१॥
Transliteration:
oṃkāraṃ bindu-saṃyuktaṃ nityaṃ dhyāyanti yoginaḥ
kāmadaṃ mokṣadaṃ caiva oṃkārāya namo namaḥ
Interpretation:
Die Yogis meditieren beständig auf Om,
vereint mit dem Bindu; es erfüllt Wünsche und schenkt Befreiung.
Vor diesem Om verneige ich mich.
2.
Devanagari:
नमन्ति ऋषयो देवा नमन्त्यप्सरसां गणाः ।
नरा नमन्ति देवेशं नकाराय नमो नमः ॥२॥
Transliteration:
namanti ṛṣayo devā namanty apsarasāṃ gaṇāḥ
narā namanti deveśaṃ nakārāya namo namaḥ
Interpretation:
Weise, Götter, Apsaras und Menschen verneigen sich vor dem Herrn der Götter.
Ihm bringe ich meine Verneigung dar.
3.
Devanagari:
महादेवं महात्मानं महाध्यानं परायणम् ।
महापापहरं देवं मकाराय नमो नमः ॥३॥
Transliteration:
mahādevaṃ mahātmānaṃ mahādhyānaṃ parāyaṇam
mahāpāpa-haraṃ devaṃ makārāya namo namaḥ
Interpretation:
Ich verneige mich vor dem großen Gott,
der großen Seele, dessen höchstes Ziel die tiefste Meditation ist,
die schwere Verfehlungen aufhebt.
4.
Devanagari:
शिवं शान्तं जगन्नाथं लोकानुग्रहकारकम् ।
शिवमेव सदाभ्यर्थे शिकाराय नमो नमः ॥४॥
Transliteration:
śivaṃ śāntaṃ jagannāthaṃ lokānugraha-kārakam
śivam eva sadābhyarthe śikārāya namo namaḥ
Interpretation:
Vor Shiva, dem friedvollen, Herrn der Welten, Wohltäter der Wesen,
ewig gütig verneige ich mich.
5.
Devanagari:
वाहनं वृषभो यस्य वासुकिः कण्ठभूषणम् ।
वामदेवाय सम्प्राप्तं वकाराय नमो नमः ॥५॥
Transliteration:
vāhanaṃ vṛṣabho yasya vāsukiḥ kaṇṭha-bhūṣaṇam
vāmadevāya saṃprāptaṃ vakārāya namo namaḥ
Interpretation:
Vor dem, dessen Reittier der Stier ist, der die Schlange Vāsuki am Hals trägt,
der mit Shakti/Vāmadeva verbunden ist verneige ich mich.
6.
Devanagari:
यत्र यत्र स्थितो देवः सर्वव्यापि महेश्वरः ।
यो गुरुः सर्वदेवानां यकाराय नमो नमः ॥६॥
Transliteration:
yatra yatra sthito devaḥ sarva-vyāpi maheśvaraḥ
yo guruḥ sarva-devānāṃ yakārāya namo namaḥ
Interpretation:
Vor dem allgegenwärtigen Maheshvara, dem Guru aller Götter,
der überall gegenwärtig ist verneige ich mich.
7. Phalaśruti (Interpretation):
Wer dieses Ṣaḍakṣara-Stotra in Shivas Nähe rezitiert, gelangt in Shivas Bereich und freut sich dort gemeinsam mit ihm.
Philosophischer Hintergrund: Om, Bindu und die Einheit von Śiva und Śakti:
In der tantrischen Kosmologie ist Bindu (Sanskrit für „Punkt/Tropfen“) mehr als nur ein diakritisches Zeichen. Es kennzeichnet den metaphysischen Ursprung der Schöpfung, an dem das noch unmanifestierte Universum als „ghanībūta Śakti“ – eine verdichtete schöpferische Kraft – zusammenkommt. Im Zustand des Bindu sind alle Welten und Wesen potenziell in einem undifferenzierten Maß versammelt. (Quelle: https://philosophicain.wordpress.com/bindu-2/)
Bindu wird als „Masse, geformt aus der Vereinigung von Śiva und Śakti“ (śivasaktimithunapinda) bezeichnet. (Quelle: https://de.scribd.com/document/443286055/The-Concept-of-Nada-and-Bindu-in-Tiruman-pdf)
Die philosophische Deutung des „Omkāra-bindu-saṃyuktaṃ“-Verses liegt somit in der Vereinigung des kosmischen Lautes (Omkāra, Symbol für Brahman) mit dem schöpferischen Punkt (Bindu). In den Upanishaden gilt der OM-Laut als der Urklang, in dem die Energien des Universums zu einem Punkt zusammenfinden.(Quelle: https://blog.eaglespace.com/om-mantra/)
Einige Anleitungen legen nahe, dass man bei der Rezitation die Silbe „O‑o‑m“ bewusst verlängert und den abschließenden Nasallaut in der Schädelhöhe vibrieren lässt; im geistigen Auge visualisiert man den Bindu als leuchtenden Punkt zwischen den Augenbrauen (Quelle: https://integralyogamagazine.org/the-name-of-god/)
